• Karnevals-Vorfreude ... 16. Februar 07

    Bonjour Berlin! Streifzüge durch die Hauptstadt.
    16.02.2007

    Zeitungen und Stadtmagazine lese ich selten an einem Stück
    durch. Deshalb habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, sie
    aufs Klo zu legen und sie dort in Ruhe zu durchforsten.
    Und das lohnt sich, wie ich immer wieder feststelle! In
    der Zitty habe ich auf diese Weise einen Artikel über die
    Märkte Berlins entdeckt. Das war mein Glück, denn so
    erschloss sich mir der direkte Weg ins Einkaufs-Paradies:
    Auf dem sogenannten „Türkenmarkt“ entlang des Maybachufers
    in Neukölln (schnellster Weg: U-Bahn Schönleinstraße
    aussteigen, dann die Schinkestraße einfach immer
    geradeaus) tobt das wilde Marktleben. Dort reihen sich
    Zucchini-Aubergine-Peperoni- Stände an Dönerbuden, dort
    werden Oliven gleich im Kilo neben einer riesigen Auswahl
    an Schafskäse-Cremes verkauft. Auch so seltene Ware wie
    ganz frische Yufka-Fladen und Bric, Sesamkringel aus
    Vollkornmehl und Roggen-Fladenbrote finden sich auf diesem
    Markt. Und Kurioses wie Flockenkäse: schmeckt wie salziger
    Schafskäse und sieht aus wie langezogene Kaugummis. Ein
    Test steht noch aus.

    Wie auf Märkten in Spanien oder Frankreich gibt es dort
    außerdem Stoffe, Kleidung und Haushaltswaren zu kaufen,
    man kann snacken ohne Ende (probiert: Gözleme, eine Art
    flacher Börek, frisch aus der Pfanne: lecker! 1,20 Euro;
    ansonsten Maiskolben, Döner und Undefinierbares) und ab
    und an wagt sich mutig ein nicht-türkischer Händler in
    diesen Bazar-Trubel. So gibt’s dann auch Espresso (auch
    lungo!), und südfranzösische Wurstwaren; am Biostand
    werden Teltower Rübchen neben Postelein offeriert. Das
    Gedränge ist erstaunlich zivil und wer wie ich dazu neigt,
    für eine Großfamilie einzukaufen, kann vor Ort gleich
    einen Hackenporsche als Transportmittel erstehen.
    (Was ist übrigens klein und grün wie eine Minigurke, hat
    eine ledrige Schale und ist innendrin gelb und cremig? Na?
    Genau, Miniavocados! Ich hatte sie nie zuvor gesehen und
    hielt es erst für einen Scherz. Aber tatsächlich schmecken
    sie sehr aromatisch und haben praktischerweise keinen
    Kern.)
    miniavocado

    Ganz großes Kino auf dem Maybachmarkt sind die
    Textilwarenhändler: Für einen Euro pro Meter kann man die
    tollsten Stoffe erwerben. Organza schillert in allen
    Farben, Pannesamt ist in der gesamten Palette zu haben und
    auch das Angebot an Fleece-Stoffen ist beachtlich. Daneben
    echter Samt, Cordstoffe und auch reichlich von jenen
    Textilien, die ich weder kaufen noch verkaufen würde, die
    aber offensichtlich doch immer ihre Abnehmerinnen finden.
    Hätte ich mir nicht selbst strengstes Stoffkauf-Verbot
    auferlegt (ich habe noch immer mehr Vorräte, als ich je
    vernähen werde), wäre ich schwach geworden. So ging ich
    eisern an der bunten Pracht vorbei und lenkte mich damit
    ab, was ich wohl auf die Berliner Karnevalsparty anziehen
    könnte. Auch wenn viele Berliner Karneval wohl nach außen
    hin ablehnend gegenüber stehen, musste immerhin die Party
    der „Ständigen Vertretung“ bereits in größere Räume
    umziehen und war für den 11.11. ausverkauft! Ich bin nun
    gespannt, wie sich Feten an Karnevalssamstag hier angehen.
    Gerüchteweise findet sogar ein Umzug statt: ganz verschämt
    am Karnevalssonntag, sodass alle, die sich danach voller
    Sehnsucht in den Zug nach Köln setzen, noch reichlich Zeit
    haben bis de eschte Zoch kütt. (Karnevalshasser klicken
    bitte hier: bnlog.de)

    Wer den Freitagsmarkt verpasst, hat samstags noch die
    Chance, die kleinere Version auf einem Platz in der Nähe
    der U-Bahn Karl-Marx-Straße zu erleben. Die ist allerdings
    nicht halb so charming und man wird von kauflustigen
    Müttern mit Kinder- und/oder Einkaufswagen halb totgeboxt.

    Noch eine Marktentdeckung: Samstag-Schicki-Markt auf dem
    Kollwitzplatz. (In der Nähe ist übrigens ein toller
    Weinladen, siehe getestet.blog.de) Mir scheint, das ist
    Prenzlauer Berg pur. Feinkost und Bio in friedlicher
    Eintracht nebeneinander. Coole Mützen, südländische
    Keramik. Ein Stand mit toller frischer Pasta (und Aachener
    Preisen, Hut ab!), „Schampus und Currywurst“ direkt
    daneben. Eine unglaubliche Brotvielfalt, einige Stände mit
    regionalem und saisonalem Gemüse, Käse, Wein,
    Küchenartikel, ein Falaffelstand. Und hier haben wir dann
    auch das Cafemobil! Allerdings kein Vergleich mit den
    Allround-Ständen in Münster, wo es auch Pannini und
    Waffeln gibt. Aber auch Berlin muss sich ja noch
    entwickeln können.

    Das muss es in Punkto Wurst definitiv nicht. Neben all den
    Currywurst-Angeboten (ein angeblich sehr guter Stand,
    Curry 36, ist gleich bei mir um die Ecke, direkt an der
    Haltestelle Mehringdamm) scheint Blutwurst eine beliebte
    lokale Spezialität zu sein. In Neukölln, befindet sich
    auf der Verbindungsstr. Zwischen Richardsplatz und
    Karl-Marx-Str. ein expliziter Blutwurstmetzger, der
    täglich beachtliche Mengen davon herstellt. Und
    irgendjemand muss die ja auch essen.
    Zitat aus einem ausgehängten Artikel: frisches Blut riecht
    nicht. Außer vielleicht nach warm-blutig-metallisch? Mir
    wird allein beim Anblick der bis zum Oberarm in die
    blutige Masse getunkten Metzgershände schon schlecht. Aber
    wer’s mag…

    Nach einem anfänglichen Neukölln-Wahn (dort gibt es
    nämlich richtig coole Wohnungen und dies zu sehr guten
    Preisen), geht mir dieses Viertel nach mehr als 10
    besichtigten Wohnungen ziemlich auf den Keks. Drinnen
    meist schön, hell, geräumig, Stuck, abgezogene Dielen:
    Wohnungen, von denen man in Bonn nur träumen kann.
    Draußen: dreckig (ok, Berlin ist dreckig), abgeratzt,
    Treppenhaus mieft nach ranzigem Fett, zwielichte Gestalten
    und Hundekacke auf der Straße. Möchte ich dort wohnen?
    Nein. In manchen Straßenzügen sind die Geschäfte nur auf
    türkisch beschriftet. Es gibt dort: Fladenbrot, Börek und
    Sesamkringel. Oder Billigklamotten. Oder Teppiche und das
    in manchen Kreisen sehr beliebte PVC. Aber kein nettes
    Cafe, keine Kneipe. Auf der Seite, die an den Tempelhofer
    Flughafen grenzt, gesellt sich zu all dem ein massiver
    Kerosingeruch plus Fluglärm. Die schönste Wohnung hilft
    mir darüber nicht bis zu einem eventuellen Aus des
    Flughafens hinweg.
    Heute habe ich mir alternativ eine Wohnung in Alt-Treptow
    angesehen, an sich ein tolles Haus, Südbalkon, charmant
    geschnitten, bezahlbar. Aber die Erreichbarkeit ist eher
    schlecht und, wie meine Schwester weise bemerkte, in einer
    so großen Stadt wie Berlin, in der man ohnehin für einen
    Weg in welchen Stadtteil auch immer viel Zeit einrechnen
    muss, sollte man sich nicht vorsätzlich in die
    Unerreichbarkeit platzieren.
    Noch immer fällt es mir schwer, die Straßen dieser Stadt
    zu „lesen“ und einzuschätzen, wie es wirklich ist, dort zu
    wohnen. Ist es so einsam, wie es aussieht? Was ist dort
    nachts los? Ist es friedlich, wird man angepöbelt? Wie
    lange wird mir mein Fahrrad erhalten bleiben? Also werde
    ich mich wohl doch in Richtung der „klassischen“ Viertel
    orientieren. (Übrigens muss man sich von den
    Immobilienheinis einiges anhören. Von Beschimpfungen, da
    ich eine Immobilie als heruntergekommen bezeichnet hatte,
    über ein arrogantes „also für den Preis finden Sie nur in
    Neukölln was“, bis zu „Bonn ist ja auch ein Dorf“ und
    Anrufen um 14.10 Uhr, bei einem eigentlichen Termin um 14
    Uhr: Frau Seim, ich steh hier grad im Büro und will die
    Schlüssel holen, sie sind aber nicht da“. Pfff. Die
    Berliner haben gute Chancen, nicht meine besten Freunde zu
    werden.)
    blumen in der kiste

    Einen Lichtblick in dem Berliner Wintergrau bescherte mir
    meine Oma per Paket : Über Lidl hatte sie einen
    Valentines-Blumengruß geordert, den ich bei der Post
    abholte. Geliefert wurde er in einem riesigen knallgelben
    Pappkarton, den ich durch die ganze Stadt schleppte. Dies
    war sehr lustig, denn ähnlich wie in Elke Heidenreichs
    Weihnachtsgeschichte „Erna“, wo die Protagonistin ein
    riesiges rosa Plüschschwein mit auf den Flug nach Italien
    nimmt, wurde ich verwundert von allen Passanten angesehen
    und manche fingen sogar an zu lächeln. Dies allein finde
    ich außergewöhnlich in dieser Stadt, die auf mich wirkt,
    als würde hier jeder wegen der Masse an Leuten durch alle
    hindurch und nur sich selbst sehen. Ein gelber Pappkarton
    hilft, aus dieser Masse hervorzustechen und die Menschen
    zum Lächeln zu bringen. Ich werde dies jetzt öfter tun.
    Noch ist der Karton nicht im Altpapier! Und ein weiterer
    Lichtblick war ein sehr nettes und aufmunterndes Gespräch
    mit dem Verkäufer im Senf-Salon („esst mehr Senf!“) hier
    um die Ecke. Ergebnis: Erwerb eines Erdbeer-Kapern-Senfs.
    Lecker im Tomatensalat! [Der Senf-Man ist Samstags übrigens auf dem Markt bei den Hackeschen Höfen zu finden. Dort gibts auch frisch gepressten Orangensaft für 1,50€. Lecker!]

    In diesem Sinne wünsche ich möglichst viele gelbe
    Pappkartons und tolle Senfsorten im Leben.

  • Bonjour Berlin! Streifzüge durch die Hauptstadt. 09.02.07

    Wer je eine „Einführung in die Sprachwissenschaft“ besucht hat, wird sich erinnern an jene Beispiele, mit denen man an den Bedeutungssreichtum herangeführt wird, mit dem wir unsere Welt wahrnehmen und bezeichnen: Gibt es beispielsweise bei uns nur Bindestrich-Reissorten, verfügen die asiatischen Völker hingegen über eine Vielzahl eigenständiger Begriffe. Ebenso die Inuit, wenn es um Schnee geht: nix mit Pappschnee und Pulverschnee. Nein, gleich zig Begriffe für die Beschaffenheit von Schnee enthält die Sprache der Bewohner der nördlichsten Regionen der Erde.
    Entsprechend differenziert müsste das Vokabular der Berliner sein, wenn es um „grauen, bedeckten Himmel“ und „leicht regnerisches Wetter“ geht. Ich staune, in welchen Versionen ich dies in meinen wenigen Tagen hier erleben durfte. Bin ich heute morgen von einem laut prasselnden, aber optisch kaum wahrnehmbarem Regenschauer aufgewacht, lief ich gestern bei gefühlten über-Null-Grad durch einige Strassen, in denen Schnee lag. Und nicht schmolz. Wann dieser Schnee entstanden ist, kann ich nicht sagen, denn vorgestern wars mild und die Sonne strahlte auf herrlichstem blauen Himmel. Wiederum einen Tag zuvor schneite es leicht – aber wo war der Schnee am Sonnentag? Heute jedenfalls zeigt sich der Himmel in einer zwar lichten, aber doch stark grau abgemischten Tönung. Die Luft riecht nach Schnee, nach Holzkohleöfen und der gemütlichen Wärme, auf die man sich freut, sobald man das Haus verlässt. Eigentlich verbinde ich das mehr noch mit Herbst: Mit Spaziergängen durch modrig riechende Wälder, in denen das Laub an den Füßen raschelt. Über Felder und Obstbaumwiesen, auf denen Äpfel und Pflaumen mit einem süßlichen Geruch verrotten. Geträumt habe ich immer davon, nach den Spaziergängen in ein weißgetünchtes Häuschen zurückzukehren, aus dessen Fenstern Licht gelb leuchtet und wo ich mich bei Tee und warmem Vanillepudding wieder aufwärme.

    Zurück nach Berlin, in diese Stadt voller Gegensätze. Meine Entdeckungstour gestern führte mich nach Friedrichshain, weil ich mir als Tipp aus einem der Stadtmagazine notiert hatte, dass es dort auf der Warschauer Straße die besten Falafel gäbe. Was ich spätestens gestern kapiert habe: ein Straßenname alleine reicht nicht. Hier muss man immer und zwar wirklich immer die Hausnummer dazu notieren und am besten noch Strassenecke und nächste Haltestelle. Denn die Warschauer Straße beispielsweise ist so breit und lang wie die Adenauerallee in Bonn (für Karlsruher: wie die Kaiserallee bis inklusive Entenfang) und bei dieser fiesen Kälte gehört schon viel Energie dazu, sie komplett abzulaufen. Ich habs irgendwann aufgegeben und werde die genaue Adresse noch mal herausfinden. Stattdessen bin ich aber auf einen anderen Laden gestoßen und (siehe getestet.blog.de) habe dort die besten Falafel bekommen, die ich bisher je gegessen habe. Ob der andere Imbiss das wohl noch toppen kann?
    Mein Bedürfnis nach unbegrenztem Surfen konnte ich auch gleich in einem Café um die Ecke stillen, dort habe ich getippt und Einträge sortiert, bis mein Akku leer war. (Noch ein Lerneffekt: immer gleich einen Platz mit Steckdose wählen!). Als nächste Station peilte ich das Auswärtige Amt an, da ich gelesen hatte, dass dort als Bürgerservice im Foyer WLAN angeboten wird. In der Hoffnung auf einen Steckdosenplatz machte ich mich also auf den Weg. Und, wie soll ich sagen, habe dafür eine äußerst kreative Strecke gewählt. Wieso auch werden auf Stadtplänen keine Eingänge eingezeichnet? Jedenfalls stieg ich mit Neuberliner Optimismus bei einer der Haltestellen auf der Friedrichstraße aus, weil es soo weit zu Fuß nicht erschien. Manchmal trügen diese Eindrücke auch nicht; einige Haltestellen liegen lächerlich eng beieinander. Manche, wohlgemerkt. Immerhin habe ich so die Seitenstraßen der Friedrichstraße nun auch mal kennen gelernt, weiß, wo das das Justizministerium ist und habe auch die Erfahrung gemacht, dass einen die Laptoptasche um die Schulter wohl so wichtig und ortskundig erscheinen lässt, dass man alle paar Schritte von wegsuchenden Niederländern, Briten und auch Berlinern angesprochen wird. Wo denn die Polizei sei? Und die Senatsverwaltung für Jugend? Mittlerweile bin ich Profi im Stadtplanzücken und –lesen!

    Nach ein paar hundert Metern wurde die Straße enger, die Baustellen mehrten sich und ich stand wie durch ein Wunder vor einer schmalen Tür, auf der Auswärtiges Amt stand. Bonn-erfahren war mir gleich klar, dass dies nur ein mickriger Seiteneingang sein kann. Ein paar Meter weiter links ein weiterer Eingang, allerdings zu irgendeiner Agentur oder Stiftung (davon wimmelts hier nur so). Also zurück, die andere Richtung eingeschlagen. Treppenhäuser, Parkhaus, Diplomatenschule (da ist die Bonn aber schöner!). Dann ein Kanal, wieder ein Seiteneingang. Mittlerweile fühlte ich mich etwas veräppelt: Auf diesem Sträßchen entlang des Wassers bekommt man vom Lärm der Stadt nichts mit und fühlt sich wie in Delft oder Leiden. Wieder eine Tür, wieder ein anderes Schild. Wo zum Geier ist das Amt?

    Irgendwann dann riesige Glasscheiben, dahinter eine Bibliothek -- und endlich, ein Parkplatz mit Limousinen und der Eingang zum Amt. Warum nicht gleich? Aber wie, in diese kantinenähnliche Räumlichkeit, die von einem neonblau beleuchteten Glaswurm dominiert wird, soll ich mich auf Bistrostühle setzen und wie in einem Aquarium meinen Rechner aufbauen? Nee, danke. (Mit kunstliebendem Wohlwollen könnte man den Wurm auch als strahlende Brücke zwischen den Nationen interpretieren, aber ich frage mich eher, ob hier der Architekt wilde Alpträume umgesetzt hat). Außerdem war mir kalt und ich hatte Hunger.

    Also zurück durch die Hinterhöfe des Operncafes in den Trubel des Zentrums. Vorbei an der Humboldt-Universität, an der große Plakate derzeit für die Beteiligung an den Studiparlamentswahlen werben. Und vorbei an einem Hüpfburg-ähnlichen Gebilde, das ein Atomkraftwerk darstellen soll. Witzigerweise war das eine Aktion gegen Atomkraft ausgerechnet der Jungen Liberalen. Ich hatte mit Greenpeace, BUNDjugend oder Grüner Hochschulgruppe gerechnet, aber nicht mit diesen Veranstaltern. In Bonn waren sie immer pro Atomkraft, was ist passiert? Auf der Straße ein Bild, das ich in Bonn schon vermisst hatte: Gelangweilt telefonierende Polizisten, die diese aufmüpfige Aktion bewachen sollen. Eigentlich unnötig, denn das Kraftwerk stand auf der einen, die Aktivisten auf der anderen Seite des Fussgänger-Mittelstreifens. Keine Gefahr also für Verkehr und Passanten.
    Auf meinem Heimweg war ich stolz, dass ich endlich die U-Bahnen auseinander halten kann und nicht mehr plötzlich panisch die Seite wechseln muss, weil mir auffällt, dass ich all die ähnlich klingenden Namen mal wieder durcheinander geworfen habe. Und dass ich mich ganz cool entscheiden kann, nicht mehr umzusteigen, sondern den Rest zu laufen, weil es zeitlich aufs Gleiche rauskommt.

    Meine abendliche Rückkehr finde ich bisher oft noch etwas unheimlich: Von meinen Nachbarn höre ich selten ein Geräusch, ich sehe auch fast nie jemanden und es sind auch kaum Lichter zu sehen. Die Nachbarn drunter sind wohl auf Jobsuche, zumindest interpretiere ich das aus der Tatsache, dass „der Arbeitsmarkt“ in ihrem Briefkasten steckte. Und ich muss etwas über meine derzeitige „Single-Küche“ lachen: Nudeln mit Pesto, Nudeln mit Knoblauch und Kapern, Nudeln mit einem Mix aus Ayvar und Frischkäse … (Übrigens rate ich von den Tortellini von Aldi Nord ab. Sie sind so eklig, wie sie bei Aldi Süd vor fünf Jahren waren). Bei aufwändigeren abendlichen Kochaktionen stecke ich in dem Dilemma, dass, wenn ich das Fenster zum Lüften nicht öffne, der Kochgeruch in meiner Ein-Zimmer-Wohnung hängt. Wenn ich es aber öffne, zieht der Fritiergeruch der Kneipe unten zu mir. Dennoch wage ich mich heute an einen größeren Einkauf; in Neukölln ist heute sogenannter „Türkenmarkt“ und ich bin schon ganz gespannt, was mich dort erwartet. Dem grauen Wetter trotze ich dabei mit meinem Regenschirm.

  • Die ersten Tage in Berlin: Sonntag, den 4. Februar 2007

    Kurz nach Hamm kam die erste SMS: „Na, schon überfallen worden oder noch gar nicht angekommen? ;-) Herzlich Willkommen in Berlin!“. Nach Bielefeld ein Anruf meines Vaters, wo ich denn gerade stecke und die Versicherung, er werde sich anstrengen, seine urbayrische Abneigung gegen die Preußen zu überwinden.
    Nach der Fahrt durch das klinkerhaltige Niedersachsen (wer um Himmels Willen hatte die Idee, auf diesem farblosen Land auch noch farblose Häuser zu bauen?) ein großer Part braun-grüne Brache: das ehemalige Niemandsland auf dem Weg nach Berlin. Dann bald urbane Strukturen, Industriegebiete, kleine Dörfer, mehr Gleise als im Ruhrgebiet. Schließlich Wasser, Parkanlagen und als der Zug verlangsamt, tuckeln wir vorbei an Spandau (erster Halt) und rollen schließlich auf den so neuen und doch schon maroden Hauptbahnhof mit Blick aufs Kanzleramt zu. Ich lief unter den befremdeten Blicken meiner Mitreisenden mehrfach hin und her, um meine zwei Koffer, den großen Rucksack und die Laptoptasche einzusammeln. Mein freundlicher Sitznachbar trug mir noch mein ausgelesenes Buch hinterher in der Annahme, ich hätte es vergessen. Aber ich musste ihn enttäuschen: Ich fand „Dies ist kein Liebeslied“ von Karin Duve so öde, dass ich es für altpapierwürdig befand. Dies löste wieder Befremden, diesmal bei dem anderen Sitznachbarn aus, der mein Gekicher über die letzten Seiten wohl als eher positive Wertung des Buches interpretiert hatte und nun mit reichlich schwäbischem Einschlag entsetzt fragte, ob ich es tatsächlich wegwerfen möchte? Ich überließ die Diskussion über den literarischen Wert des Buches den beiden Herren und machte mich ausstiegsbereit.

    Draußen wartet mein zukünftiger Bonner Zwischenmieter, selbst Berliner, der sich netterweise bereiterklärt hat, mir beim Schleppen zu helfen. (Ich fürchte, er bereute das Angebot ab dem Zeitpunkt, als er mich mit meinem Nomadengepäck aussteigen sah.) Wir machen uns auf durch die Menschenmassen, die sich auf den Treppen auf- und abwälzen, nehmen erst die S-Bahn Richtung Friedrichstraße und trippeln dann an dieser verwirrenden Haltestelle zahlreiche Stufen zur U-Bahn erst hinunter und an der nächsten Halte wieder hinauf. Berlin empfängt mich mit viel Wind, ab und an leichtem Nieselregen und einem ansonsten eher milden Wetter. Bonn hatte ich in strahlendem Sonnenschein mit frühlingswarmen Temperaturen hinterlassen, die meinen adrenalingequälten Körper ein bisschen wärmten und beruhigten. Die letzten Tage in Bonn waren sehr stressig gewesen und ich frage mich im Nachhinein, wie ich mir je habe einreden können, ich hätte all dies auch ohne zumindest die vier Tage Urlaub erledigen können. Ich habe fast mein gesamtes Hab und Gut eingepackt, habe aussortiert, weggeworfen, Bücher zur Bücherkiste gebracht, Pflanzentransport organisiert, mich verabschiedet auf diversen Feten, zum Teil auf Bald, zum Teil für immer. Denn meine Kanadier/innen haben zum gleichen Zeitpunkt wie ich ihre Zeit in Bonn beendet und wenn uns nicht ein glücklicher Zufall eines Tages wieder an den gleichen Ort führt, wird es wohl sehr lange dauern, bis wir uns wiedersehen. Davor verabschiedeten wir Luca nach Italien bzw. nach Bristol, Maria und Philipp für ihre Weltreise, Pili für ein Stipendium in ihre Herkunftsstadt Valencia und bereits im Sommer Pablo mit Reiseziel Peking. Und natürlich: Meik nach Manchester. *Sniff*

    Mit all den Umbrüchen im Januar 07 beginnt nun also ein neuer Abschnitt für viele und in meinem Leben startet eine neue Zeitrechnung: Die Berlin-Ära. Es ist ja ohnehin merkwürdig, dass mittlerweile meine Erzählungen (potentiell) mit „vor 25 Jahren habe ich dies und das erlebt“ beginnen und sich dies anfühlt, als spüre man jede aktuelle und zukünftige Falte im Gesicht. Kann man wohl ab der Spanne „vor 35 Jahren“ darüber lachen, oder fühlt es sich noch mehr so an, als wäre dies ohnehin nicht einem selbst, sondern einer anderen Person passiert? Und genauso merkwürdig empfinde ich die Einteilung nach „meiner Zeit in Karlsruhe, Stuttgart, Bonn, Sevilla“ –und nun also Berlin.

    Um genau zu sein, Berlin-Kreuzberg und zwar der westliche Rand, der in westlicher Richtung in Schöneberg übergeht und östlich vom noch bestehenden Flughafen Tempelhof begrenzt wird. Nachdem ich die ersten beiden Tage nicht wusste, wie mein Haus im Hellen aussieht, habe ich an meinen ersten Samstag die Gegend erkundet und weiß nun, wo die Supermärkte sind, der Wochenmarkt stattfindet (Hej, ein weiterer Markt ohne Espressomobil! Wer macht mit?), die „beste schwule Pizzeria“ (laut aushängendem Zeitungsartikel) liegt und wo ich meine Messer schleifen lassen kann.

    Auch kann ich nun eine Tchibo-Topographie Berlins erstellen, denn ich war auf der Suche nach einem Artikel aus einer der vergangenen Aktionen und offensichtlich werden diese –anders als in Bonn – nicht lange vorgehalten. Auch die aktuellen Artikel waren in den meisten Filialen ausverkauft: Ist es ein modernes Hobby, die Filialen leerzukaufen? (Die Prozente-Filiale ist übrigens auf der Karl-Marx-Allee.) Ein Berliner spekuliert, dass dies noch Nachwirkungen der ehemaligen Hamstermentalität seien. Auf jeden Fall bin ich so innerhalb von 72 Stunden bereits an zahlreichen Orten und U-Bahnstationen gewesen und damit stückeln sich einzelne Puzzleparts mittlerweile ein bisschen besser zueinander.

    Reichlich irritiert bin ich von der Tatsache, dass die angekündigten niedrigeren Lebenshaltungskosten im Lebensmittelbereich nur sehr partiell zutreffen: Essen gehen ist in der Tat meist sehr preiswert, vor allem, wenn man sich die Gemüsepreise ansieht. Vielleicht bin ich als Bonnerin ja sehr verwöhnt, aber wenn ich für drei Zucchini und einen Salat soviel bezahle wie in Bonn für (zusammen) je ein Kilo Zucchini und Paprika plus ne Tüte Salat, dann lohnt es sich hierzulande wirklich, häufig essen zu gehen und wenig selbst zu kochen. Direkt um die Ecke gibt’s zum Beispiel eine Pizzeria, die damit wirbt, dass auch in diesem Jahr dies Speisen „nur die Hälfte“ kosten, was zu Pizza Margherita-Preisen von 1,50 Euro führt. Für Mittagsbuffets zahlt man (höchstens) zwischen 5 und 6,50 Euro und der große, reichlich gefüllte Teller bei einem vegetarischen Restaurant hier im Veedel (jawoll, noch sage ich nicht Kiez!) wird mit 5,50 berechnet.

    Einen Weinladen habe ich auch bereits entdeckt, der mir zumindest teilweise das Sortiment von Le Charreau liefern und somit mein Wein-Heimweh lindern kann. Ein bisschen teurer zwar, aber ich habe mich ohnehin vor meiner Abfahrt noch mal eingedeckt und dieser Vorrat muss dann auch ein bisschen hinhalten. Vielleicht ist dies auch eine Chance, mich mal eher im spanischen Weinsektor umzutun, denn nicht weit weg ist ein großer Spanien-Importeur, für den mir meine bisherigen KollegInnen einen Gutschein überreicht haben. Und mein derzeit amtierender Lieblingsladen befindet sich ohnehin direkt neben dem Hamburger Bahnhof: ein Großhandel für italienische und spanische Lebensmittel und damit ein angemessener Ersatz und für meinen „Italoman“ Antonio Perrone.

    Eigentlicher Zweck meines Umzugs ist mein neuer Job, der gut anläuft, wo aber auch einige Dinge einfach noch zu klären sind und ich darüber deswegen noch nicht viel Konkretes sagen kann. Die Kolleginnen und Kollegen sind sehr nett, die Tätigkeit spannend und nach all den Informationen und all den neuen Gesichtern war ich an meinen ersten beiden Arbeitstagen abends so erledigt, dass ich sehr früh ins Bett fiel. Meinen Wunsch fürs erste Wochenende konnte ich wie geplant umsetzen: viel schlafen, wenig Streß, ein bisschen spazieren gehen. Punkt. In diesem Sinne wünsche ich einen erholsamen Restsonntag,
    alles Liebe
    Julia

  • Und jetzt mal Nägel mit Köpfen machen

    Na also. Überschüsse habe sie erzielt, die krisengeschüttelte Bundesagentur für Arbeit, schreibt die Süddeutsche Zeitung (26.07.06/Wirtschaft). Durch bessere Konjunktur und weniger Personen, die so lange arbeitslos sind, dass sie in ALG II rutschen. Prima, dann kann ja jetzt endlich das Gejammere aufhören und können wirkliche Strukturveränderungen angepackt werden. Wie wärs zum Beispiel mit ein bisschen Fortbildung für die Berater, damit diese nicht hoffnungslos in ihrer Prioritätensetzung überfordert sind? Damit sie ein bisschen mehr wissen als ihre Klienten? Und nicht soviel Zeit damit verschwenden, misstrauische schriftliche Nachfragen zu stellen, sondern sie dafür einsetzen, zielgerichtet zu beraten? Wie wärs auch mit einem Relaunch der Website, damit nicht externe Suchmaschinen bessere Ergebnisse aus der Datenbank der BA liefern als der hauseigene Suchoperator? Wie wärs mit ernsthaften Programmen für hochqualifizierte Hochschulabsolventen? Konstante Firmenkontakte statt Alibi-Broschürchen? Ärmel hochkrempeln, einmal juchee schreien und los gehts. Ideen gibts genug.

  • HDTV bei der Telekom

    HDTV bei der Telekom

  • Stuttgart // Project Germany: Fototour durch Deutschland (7)

    Der Schlossplatz vom neuen Kubus aus gesehenDer Schlossplatz vom neuen Kubus aus gesehenSteffi und MichaelIm Kubus/Dentro del KubusDer Schlossplatz vom neuen Kubus aus gesehenSchafe mitten in der Stadt

  • Strassentheaterfestival Rastatt // Project Germany: Fototour durch Deutschland (6)

    Strassentheaterfestival RastattStrassentheaterfestival Rastatt

  • Karlsruhe-Durlach // Project Germany: Fototour durch Deutschland (5)

    Karlsruhe-DurlachKarlsruhe-DurlachKarlsruhe-DurlachKarlsruhe-DurlachKarlsruhe-DurlachKarlsruhe-Durlach

  • Project Germany: Fototour durch Deutschland (4 )Schachen // Schwäbische Alb, bei Münsigen/Bad Urach

    Zelte mit Alb-BlickLändliche IdylleLa RecepionDas Öko-Buffet<em> Comida ecologicaEs war einmal ein kleines Dorf ... noch ein paar Eindrücke noch ein paar Eindrücke noch ein paar Eindrücke noch ein paar Eindrücke
    Wildkräuter

  • Project Germany: Fototour durch Deutschland (3)

    Heidelberg Fussgängerzoneder MarktplatzHeidelberger Schloss

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