Bonjour Berlin! Streifzüge durch die Hauptstadt.
16.02.2007
Zeitungen und Stadtmagazine lese ich selten an einem Stück
durch. Deshalb habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, sie
aufs Klo zu legen und sie dort in Ruhe zu durchforsten.
Und das lohnt sich, wie ich immer wieder feststelle! In
der Zitty habe ich auf diese Weise einen Artikel über die
Märkte Berlins entdeckt. Das war mein Glück, denn so
erschloss sich mir der direkte Weg ins Einkaufs-Paradies:
Auf dem sogenannten „Türkenmarkt“ entlang des Maybachufers
in Neukölln (schnellster Weg: U-Bahn Schönleinstraße
aussteigen, dann die Schinkestraße einfach immer
geradeaus) tobt das wilde Marktleben. Dort reihen sich
Zucchini-Aubergine-Peperoni- Stände an Dönerbuden, dort
werden Oliven gleich im Kilo neben einer riesigen Auswahl
an Schafskäse-Cremes verkauft. Auch so seltene Ware wie
ganz frische Yufka-Fladen und Bric, Sesamkringel aus
Vollkornmehl und Roggen-Fladenbrote finden sich auf diesem
Markt. Und Kurioses wie Flockenkäse: schmeckt wie salziger
Schafskäse und sieht aus wie langezogene Kaugummis. Ein
Test steht noch aus.
Wie auf Märkten in Spanien oder Frankreich gibt es dort
außerdem Stoffe, Kleidung und Haushaltswaren zu kaufen,
man kann snacken ohne Ende (probiert: Gözleme, eine Art
flacher Börek, frisch aus der Pfanne: lecker! 1,20 Euro;
ansonsten Maiskolben, Döner und Undefinierbares) und ab
und an wagt sich mutig ein nicht-türkischer Händler in
diesen Bazar-Trubel. So gibt’s dann auch Espresso (auch
lungo!), und südfranzösische Wurstwaren; am Biostand
werden Teltower Rübchen neben Postelein offeriert. Das
Gedränge ist erstaunlich zivil und wer wie ich dazu neigt,
für eine Großfamilie einzukaufen, kann vor Ort gleich
einen Hackenporsche als Transportmittel erstehen.
(Was ist übrigens klein und grün wie eine Minigurke, hat
eine ledrige Schale und ist innendrin gelb und cremig? Na?
Genau, Miniavocados! Ich hatte sie nie zuvor gesehen und
hielt es erst für einen Scherz. Aber tatsächlich schmecken
sie sehr aromatisch und haben praktischerweise keinen
Kern.)

Ganz großes Kino auf dem Maybachmarkt sind die
Textilwarenhändler: Für einen Euro pro Meter kann man die
tollsten Stoffe erwerben. Organza schillert in allen
Farben, Pannesamt ist in der gesamten Palette zu haben und
auch das Angebot an Fleece-Stoffen ist beachtlich. Daneben
echter Samt, Cordstoffe und auch reichlich von jenen
Textilien, die ich weder kaufen noch verkaufen würde, die
aber offensichtlich doch immer ihre Abnehmerinnen finden.
Hätte ich mir nicht selbst strengstes Stoffkauf-Verbot
auferlegt (ich habe noch immer mehr Vorräte, als ich je
vernähen werde), wäre ich schwach geworden. So ging ich
eisern an der bunten Pracht vorbei und lenkte mich damit
ab, was ich wohl auf die Berliner Karnevalsparty anziehen
könnte. Auch wenn viele Berliner Karneval wohl nach außen
hin ablehnend gegenüber stehen, musste immerhin die Party
der „Ständigen Vertretung“ bereits in größere Räume
umziehen und war für den 11.11. ausverkauft! Ich bin nun
gespannt, wie sich Feten an Karnevalssamstag hier angehen.
Gerüchteweise findet sogar ein Umzug statt: ganz verschämt
am Karnevalssonntag, sodass alle, die sich danach voller
Sehnsucht in den Zug nach Köln setzen, noch reichlich Zeit
haben bis de eschte Zoch kütt. (Karnevalshasser klicken
bitte hier: bnlog.de)
Wer den Freitagsmarkt verpasst, hat samstags noch die
Chance, die kleinere Version auf einem Platz in der Nähe
der U-Bahn Karl-Marx-Straße zu erleben. Die ist allerdings
nicht halb so charming und man wird von kauflustigen
Müttern mit Kinder- und/oder Einkaufswagen halb totgeboxt.
Noch eine Marktentdeckung: Samstag-Schicki-Markt auf dem
Kollwitzplatz. (In der Nähe ist übrigens ein toller
Weinladen, siehe getestet.blog.de) Mir scheint, das ist
Prenzlauer Berg pur. Feinkost und Bio in friedlicher
Eintracht nebeneinander. Coole Mützen, südländische
Keramik. Ein Stand mit toller frischer Pasta (und Aachener
Preisen, Hut ab!), „Schampus und Currywurst“ direkt
daneben. Eine unglaubliche Brotvielfalt, einige Stände mit
regionalem und saisonalem Gemüse, Käse, Wein,
Küchenartikel, ein Falaffelstand. Und hier haben wir dann
auch das Cafemobil! Allerdings kein Vergleich mit den
Allround-Ständen in Münster, wo es auch Pannini und
Waffeln gibt. Aber auch Berlin muss sich ja noch
entwickeln können.
Das muss es in Punkto Wurst definitiv nicht. Neben all den
Currywurst-Angeboten (ein angeblich sehr guter Stand,
Curry 36, ist gleich bei mir um die Ecke, direkt an der
Haltestelle Mehringdamm) scheint Blutwurst eine beliebte
lokale Spezialität zu sein. In Neukölln, befindet sich
auf der Verbindungsstr. Zwischen Richardsplatz und
Karl-Marx-Str. ein expliziter Blutwurstmetzger, der
täglich beachtliche Mengen davon herstellt. Und
irgendjemand muss die ja auch essen.
Zitat aus einem ausgehängten Artikel: frisches Blut riecht
nicht. Außer vielleicht nach warm-blutig-metallisch? Mir
wird allein beim Anblick der bis zum Oberarm in die
blutige Masse getunkten Metzgershände schon schlecht. Aber
wer’s mag…
Nach einem anfänglichen Neukölln-Wahn (dort gibt es
nämlich richtig coole Wohnungen und dies zu sehr guten
Preisen), geht mir dieses Viertel nach mehr als 10
besichtigten Wohnungen ziemlich auf den Keks. Drinnen
meist schön, hell, geräumig, Stuck, abgezogene Dielen:
Wohnungen, von denen man in Bonn nur träumen kann.
Draußen: dreckig (ok, Berlin ist dreckig), abgeratzt,
Treppenhaus mieft nach ranzigem Fett, zwielichte Gestalten
und Hundekacke auf der Straße. Möchte ich dort wohnen?
Nein. In manchen Straßenzügen sind die Geschäfte nur auf
türkisch beschriftet. Es gibt dort: Fladenbrot, Börek und
Sesamkringel. Oder Billigklamotten. Oder Teppiche und das
in manchen Kreisen sehr beliebte PVC. Aber kein nettes
Cafe, keine Kneipe. Auf der Seite, die an den Tempelhofer
Flughafen grenzt, gesellt sich zu all dem ein massiver
Kerosingeruch plus Fluglärm. Die schönste Wohnung hilft
mir darüber nicht bis zu einem eventuellen Aus des
Flughafens hinweg.
Heute habe ich mir alternativ eine Wohnung in Alt-Treptow
angesehen, an sich ein tolles Haus, Südbalkon, charmant
geschnitten, bezahlbar. Aber die Erreichbarkeit ist eher
schlecht und, wie meine Schwester weise bemerkte, in einer
so großen Stadt wie Berlin, in der man ohnehin für einen
Weg in welchen Stadtteil auch immer viel Zeit einrechnen
muss, sollte man sich nicht vorsätzlich in die
Unerreichbarkeit platzieren.
Noch immer fällt es mir schwer, die Straßen dieser Stadt
zu „lesen“ und einzuschätzen, wie es wirklich ist, dort zu
wohnen. Ist es so einsam, wie es aussieht? Was ist dort
nachts los? Ist es friedlich, wird man angepöbelt? Wie
lange wird mir mein Fahrrad erhalten bleiben? Also werde
ich mich wohl doch in Richtung der „klassischen“ Viertel
orientieren. (Übrigens muss man sich von den
Immobilienheinis einiges anhören. Von Beschimpfungen, da
ich eine Immobilie als heruntergekommen bezeichnet hatte,
über ein arrogantes „also für den Preis finden Sie nur in
Neukölln was“, bis zu „Bonn ist ja auch ein Dorf“ und
Anrufen um 14.10 Uhr, bei einem eigentlichen Termin um 14
Uhr: Frau Seim, ich steh hier grad im Büro und will die
Schlüssel holen, sie sind aber nicht da“. Pfff. Die
Berliner haben gute Chancen, nicht meine besten Freunde zu
werden.)

Einen Lichtblick in dem Berliner Wintergrau bescherte mir
meine Oma per Paket : Über Lidl hatte sie einen
Valentines-Blumengruß geordert, den ich bei der Post
abholte. Geliefert wurde er in einem riesigen knallgelben
Pappkarton, den ich durch die ganze Stadt schleppte. Dies
war sehr lustig, denn ähnlich wie in Elke Heidenreichs
Weihnachtsgeschichte „Erna“, wo die Protagonistin ein
riesiges rosa Plüschschwein mit auf den Flug nach Italien
nimmt, wurde ich verwundert von allen Passanten angesehen
und manche fingen sogar an zu lächeln. Dies allein finde
ich außergewöhnlich in dieser Stadt, die auf mich wirkt,
als würde hier jeder wegen der Masse an Leuten durch alle
hindurch und nur sich selbst sehen. Ein gelber Pappkarton
hilft, aus dieser Masse hervorzustechen und die Menschen
zum Lächeln zu bringen. Ich werde dies jetzt öfter tun.
Noch ist der Karton nicht im Altpapier! Und ein weiterer
Lichtblick war ein sehr nettes und aufmunterndes Gespräch
mit dem Verkäufer im Senf-Salon („esst mehr Senf!“) hier
um die Ecke. Ergebnis: Erwerb eines Erdbeer-Kapern-Senfs.
Lecker im Tomatensalat! [Der Senf-Man ist Samstags übrigens auf dem Markt bei den Hackeschen Höfen zu finden. Dort gibts auch frisch gepressten Orangensaft für 1,50€. Lecker!]
In diesem Sinne wünsche ich möglichst viele gelbe
Pappkartons und tolle Senfsorten im Leben.




























